Rolemaster - Die fallenden Würfel

Eine vertraute Plauderei (ersetzt das fehlende 47. Kapitel)

Es war spät geworden. Nach der Befreiungsaktion in den Tiefen der Stadt hatte sie das zweite Bad an diesem Abend genommen, nun war sie wieder im Kaminzimmer, Wasser tropfte aus ihrer roten Mähne, lief in kleinen Rinnsalen ihre nackten Schultern hinunter und tat sodann ein Übriges, dass dünne Stück Leinen, in das sie sich nach dem Bad gehüllt hatte, noch anschmiegsamer und durchscheinender zu machen. Melnibonor seufzte. Sie tat das mit Absicht, da war er sich sicher. Und er würde sich ganz sicher nicht aus dem Konzept bringen lassen. Fragen mussten gestellt und geeignete Antworten mussten gefunden werden. „Ihr seid mir immer noch eine umfassende Antwort schuldig, wie die legendäre Chinta in die Gewalt von Sklavenhändlern gelangen konnte“, mahnte er an und reichte ihr ein Glas Wein. (Die vorletzte Flasche vom Allerbesten. Und das ganze Gold dahin. Zeit, hier etwas zu bewerkstelligen und dann die Zelte abzubrechen.)
Sie nahm das Glas und das Kompliment mit einem kleinen Lächeln an. „Im Grunde lag es wohl am Myrianith.“ Sie machte eine kleine Geste in Richtung der blauen Muster, die jenseits der Ränder des Handtuches auf ihrer Haut zu sehen waren. (Änderten sich diese Muster mit der Zeit, führten sie ein geheimes Eigenleben, oder brachten sie andere Geheimnisse an den Tag, die vielleicht schon länger dort geschrieben standen? Meine Schöne, die Magier zweier Kontinente rätseln, wo Dein Bruder vor seinem Verschwinden die Verfluchte Vorletzte Schrift verborgen haben mag …) „Ich brauchte reines Myrianith. Das Erz hatte ich in Amrûn bekommen, doch die dortige Magiergilde behauptete, es nicht läutern zu können. Also habe ich das Erz mit einer Kamelkarawane nach Kas Shadoul geschickt, wo ich noch aus meinen Tagen in Diensten des Sultans einen Meisteralchimisten kenne. Die jungen Leute“ – sie machte eine Geste Richtung der Schlafgemächer im ersten Stock – „ hatte ich in Amrûn kennengelernt. Sie waren mir behilflich, das Erz zu bekommen, und ich habe sie dann auch als Karawanenwachen für die Reise nach Kas Shadoul eingestellt.“ Sie bemerkte seinen zweifelnden Blick. „Es war eine Wette mit dem Gildenoberhaupt, und sie haben mir dabei geholfen, die Wette zu gewinnen. Und ich konnte die Karawane ja schwerlich selbst durch das Land südlich des Hârnen begleiten oder nördlich des Flusses reisen und dann die Kamele bei Ramlond – hopp – über die Bucht werfen. Also kamen mir die Jungs sehr gelegen. Und für junge Abenteurer ist so eine Reise genau der richtige erste Schritt auf der Straße zum Ruhm.“ Ihr Blick schien in lange vergangene Tage zu schauen, und sie lächelte ein wenig versonnen. „Nun ja, in Kas Shadoul haben wir uns dann wie verabredet wieder getroffen, und sie haben mein Erz auch wohlbehalten abgeliefert. Aber beim Reinigen ging so ziemlich Alles schief, und schon das erste Quäntchen reines Sublimat hat ein Rudel Dämonen herbeigelockt, die dann das Laboratorium verwüstet haben.“
Sie beugte sich vor, um sich Wein nachschenken zu lassen, was er mit großer Sorgfalt zelebrierte, teils, weil es eben die vorletzte Flasche vom Allerbesten war, teils, um den sich durch ein gelindes Verrutschen des Handtuches bietenden Anblick ausgiebiger genießen zu können. Sein durch diese doppelseitige Inanspruchnahme bedingtes Schweigen nahm sie als Aufforderung, ihn ihrer Geschichte ohne nähere Erklärungen des zuvor Gesagten fortzufahren. „Der Kampf mit den Affendämonen ging kreuz und quer durch die verwüsteten Laboratorien. Dabei müssen wir alle eine ganze hübsche Menge Myrianith-Dampf abbekommen haben. Auch wenn es sich zunächst nicht so deutlich abzeichnete.“ Wieder eine kurze Geste in Richtung der blauen Zeichen, die sich hell von ihrer dunklen Haut abhoben. „Und vom den Laboratorien war hinterher auch nicht mehr viel übrig. Mein Alchimist hatte jedenfalls genug gesehen und verspürte kein Verlangen mehr, sich auf ein zweites Experiment mit diesem Teufelszeug einzulassen, sondern verwies mich an einen Experten in Charas Marchond. Was mir die Freude bescherte, mein Erz noch weiter durch die Harad verschicken zu müssen. Ich dachte natürlich sofort an meine bereits bewährten Karawanenbegleiter.“ Eine kurze Geste in Richtung der Schlafgemächer im ersten Stock, begleitet von einem weiteren Verrutschen des Handtuches.
(Ich habe gerade mehr als Dein dreifaches Gewicht in Gold für Dich ausgegeben und schenke Dir bereitwillig die letzten Tropfen vom allerbesten Wein aus, ohne mir überhaupt noch eine weitere Flasche davon leisten zu können, also darf ich wohl genüsslich gucken, oder?) „Die jedenfalls stimmten zu, mein Erz auch weiter zu transportieren, in dieser Nacht wollten sie sich jedoch noch gründlich die Hörner abstoßen. Also zogen sie in ein Badehaus der eher lasterhaften Art, wie man sie in den Städten der Haradrim unweigerlich finden wird, es sei denn, die betreffende Stadt wird von einem streng gläubigen Fürsten beherrscht, in welchem Falle man die Häuser dieser Art vor der Stadtmauer zu finden pflegt.“ Sie zuckte mit den Schultern und machte eine wegwerfende Bewegung. (Ich kann mir durchaus denken, was die Jungs derartig erhitzt haben mag, dass sie in einem Dampfbad Abkühlung suchen…) „Jedenfalls hat einer von den Jungs dort seine Jugendliebe wiedergefunden. Als Tagesangebot, gewissermaßen.“ Melnibonor pfiff durch die Zähne. „Mal eine etwas andere Art, von seinem Schatz in flagranti erwischt zu werden.“ Sie kicherte. „Nun ja, wahrscheinlich eine der wenigen Arten, die dankbar angenommen wird. Jedenfalls gab eine kleine Rangelei, und sie war frei. Und hatte natürlich eine Geschichte zu erzählen, wie sie aus dem schönen Cardolan in die Sklaverei nach Haradwaith geraten war.“ Sie fixierte den Rand ihres Weinglases, als wenn dort die Geschichte abzulesen wäre. „Eine Reederstochter aus Tharbad, wenn ich die Geschichte richtig verstanden habe, und sie wollte unbedingt einmal mit auf große Fahrt.“ Sie seufzte: „Die Rothaarigen sind immer so eigensinnig, weißt Du?“ (Aha, inzwischen sind wir wieder beim Du. Gefällt mir. Mal sehen, wo wir heute noch so hinkommen…). Sie gefiel sich einen Moment darin, den Kopf zu wiegen, wodurch sich ihre eindrucksvolle rote Mähne immer neu um ihre dunklen Schultern drapierte. „Jedenfalls wurde das Schiff vor dem Ras Hârnen von Piraten aufgebracht, und der Herr Papa und ihr Verlobter – oder war es der Papa von dem Verlobten, dem das Schiff gehörte? – jedenfalls, Ihr Verlobter und irgendein Herr Papa sowie das Schiff und der Großteil der Besatzung waren wohl noch in der Gewalt der Piraten, während man sie als leichte Ware schon einmal nach Kas Shadoul gebracht und als neues leichtes Mädchen an ein schwer beleumdetes Haus verkauft hatte. Wohl gemerkt: Der Verlobte der Flamme dieses jungen Mannes – er ist inzwischen übrigens tot – war da in Gefangenschaft. Und ehrenhaft wie die Edain nun einmal sind, beschloss der Junge Mann (einer von meinen Jungs), seinen Nebenbuhler zu befreien. Und die ganze Rasselbande war sofort Feuer und Flamme. Ein Schiff, ein Schiff, damit könnte man dann im Zweifel auch mein Erz viel einfacher nach Charas Morchond bringen.“ Wieder schwieg sie einen Moment, schien weit entfernte oder lange Zurückliegendes zu betrachten. „Nun ja, wenn man jung im Geschäft ist, sind Piraten immer eine spannende Herausforderung. Ach, zum Henker, sie sind es immer noch!“ Nun war es an Melnibonor, zu grinsen. Er probierte das aus, wovon er als seinem wölfischen Grinsen dachte. Er fand es meist sehr wirksam. „Ja, und sie quieken so niedlich, nicht wahr?“ Eine Augenblick lang starrte sie ihn verdutzt, verständnislos an, dann begann sie zu lachen. Ihr Lachen war ansteckend, und sie brauchten eine Weile, um sich zu beruhigen. (Gut; falls es hier so etwas wie Eis gegeben haben sollte, dann wäre es ja jetzt wohl als gebrochen zu betrachten). Schließlich wischte sie sich die Lachtränen aus den Augen (und demonstrierte bei diese Gelegenheit beeindruckend, dass sie tatsächlich völlig ungeschminkt so umwerfend gut aussah). „Jaaa, wo war ich stehengeblieben? Ach ja, meine jungen Freunde wollten das Schiff befreien und auch noch die Besatzung dazu, um dann das Erz aus Kas Shadoul abzuholen und nach Charas Morchond zu bringen. Ich wollte derweil eigentlich schon einmal auf dem Landweg weiter. Aber der Zufall wollte es, dass ich noch einen Tag länger in Kas Shadoul blieb, während die Jungs schon in Richtung des Ras Hârnen aufgebrochen waren, den Unterschlupf der Piraten suchen. Während dieser Zeit erkrankten mehrere Lehrlinge und Gesellen des Alchimisten schwer, und schließlich kamen wir dahinter, dass sie sich wohl bei der Zerstörung der Laboratorien mit Myrianithdampf vergiftet hatten. Ich war in großer Sorge um die Jungs, uns so eilte ich ihnen nach, so schnell ich konnte. Der Alchimist machte sich derweil daran, eine größere Menge Antidot herzustellen und versprach, es alsbald mit einem Boten nachzuschicken.“ Sie sah fixierte ihn, um die Bedeutung ihrer Worte zu unterstreichen und wohl auch zu prüfen, ob sie richtig verstanden wurden: „Ich hätte auf meine eilige Reise ohnehin NICHTS mitnehmen können.“ Melnibonor gab ihr wieder eine Kostprobe seines wölfischen Grinsens und überließ es dabei ihrer Interpretation, ob sie darin ein Raubtier erkennen wollte oder einfach nur den lustvollen Gedanken, sich ihre Ankunft bei einer Reise bar jeden Gepäcks vorzustellen. Sie quittierte es mit einer Geste, die einen Krallenschlag andeuten mochte und einem leisen Fauchen. (Schnurren wäre mir lieber, aber dahin kommen wir noch). „Aber das Myrianith hatte auch mich erwischt, auch wenn es mich nicht in diesem Sinne mit einer Vergiftung darnieder zu werfen vermochte. Aber es war in mir, und es veränderte offenbar die Dinge auf seine Weise, denn als ich fühlte, dass ich mein Ziel erreicht hatte und das Tier gehen ließ, war ich auf einmal wieder … jung.“ Sie schnitt ihm das Kompliment, dass ihm schon im Halse steckte, kurzerhand ab: „Jünger. Zu jung, auch wenn es sich verdammt gut anfühlte. Nun ja, im Grunde ist es, denke ich, die Weise, auf die es funktioniert. So, wie ich es jetzt denke, denn vorher hatte ich mir ehrlich gesagt nie Gedanken darüber gemacht. Es war einfach so. Aber jetzt denke ich, dass es die Weise ist, auf die es mich jung erhält. Jedesmal, wenn das Tier geht und ich zurückkehre, kehre ich zu der Gestalt zurück, die dich damals hatte, als ich zum ersten Mal das Tier begrüßt habe. Diesmal ist es … weiter zurück gegangen. Und es hatte alle meine Erfahrungen und Erinnerungen mitgenommen. Ich war gleichsam wieder vierzehn Jahre und auf der Flucht vor dem Erbkrieg in Tulwanien.“ Er sah Schmerz auf ihrem Gesicht. Schmerzvolle Erinnerung. (Sie sagen, Du hättest damals einen Deiner Brüder eigenhändig getötet, und es wäre Dein erster Toter gewesen. So sagen sie also die Wahrheit?). „Nun ja, jedenfalls wusste ich nicht mehr, warum und wie ich in den Hof dieses Gasthauses in Sook Oda gekommen war. Bei Rahiowath, ich erkannte die Jungs nicht wirklich, und vor allem, ich beherrschte keine Sprache mehr (oder eher schon), die sie verstanden hätten!“ „Du dürftest, nachdem Du ja NICHTS mit auf Deine Reise nehmen konntest, ziemlich nackt gewesen sein, und das sollte beredend genug für sie gewesen sein.“ „Die meisten waren nicht mehr in dem Zustand, sich daran zu erfreuen. Das Myrianth hatte seine Wirkung getan, und wenn nicht bald darauf das Antidot aus Kas Shadoul eingetroffen wäre … Jedenfalls waren diese Teufelsbraten dank des Antidot bald genesen und verfolgten ihren Plan weiter, als wäre sonst nichts geschehen. Bald hatten sie Kunde, wo der Unterschlupf der Piraten zu finden wäre. Es war einfach. Eine Bucht und eine geheimer Hafen in einer großen Höhle unter den Klippen, bei einer alten Feste nahe Sook Oda. Wäre ich ganz bei mir gewesen, hätte ich ihnen sogar sagen können, dass dort ein heimlicher Anlegeplatz ist. Jedenfalls sind wir bei Nacht mit einem kleinen Fischerboot hinein. Und haben dort im Dustern ein Schiff gefunden. Und dann begann ein Streit mit den Fischern, die abhauen wollten, da sie Angst vor den Piraten hatten. Und dann hat der Zwerg das Fischerboot versenkt, indem er den Anker von dem großen Schiff darauf fallen ließ.“ Sie verdrehte die Augen. „Der Lärm hätte gereicht, alle Piraten zwischen Pelagir und der Kupferbucht aus den tiefsten Rum-Träumen zu wecken.“ Sie sprach den Rum ein wenig gedehnt aus, gerade so, dass er überlegte, ob sie nun Rum oder Ruhm hatte sagen wollen. „Bald darauf wimmelte die Höhle vor Piraten, und weder die Jungs noch die kleine Chinta konnten ihnen viel entgegensetzen. Sie haben uns gefangen genommen.“ Melnibonor gefiel diese Wendung der Erzählung nicht. Hässliche Bilder tauchten in seinem Kopf auf, von einer jugendlichen, fast noch kindlichen Chinta und einem Rudel Piraten. (Sie werden doch nicht etwa…). Sie hatte offenbar in seinem Blick gelesen: „Sie waren auf den hohen Preis aus, den sie sich von unbeschädigter Ware versprachen. Jedenfalls waren wir bald darauf auf einem Schiff, dass mir damals seltsam vorkam, wenngleich ich bald darauf wieder erinnern konnte, schon viele Reisen mit solch einer Art von Schiff unternommen zu haben, denn es war ein Himmelsschiff von jener Art, wie sie es in Eidolon bauen. Und irgendwo über der Mündung des Hârnen müssen wir ein Portal passiert haben, denn bald darauf waren wir im Anflug auf die Stadt des Fürsten der Efreeti und somit über den Feuerlanden. Und mit dem Wechsel in die Elementarwelt geschah muss wieder etwas mit dem Myrianith in mir geschehen sein, denn es trat nun in Mustern auf der Haut zutage. Und es verlor die Macht, die es zuvor über meine Gestalt ausgeübt hatte. Ich war wieder ich. Die große Chinta.“ Sie grinste. „Die legendäre Chinta, wie unerträgliche Schmeichler bisweilen behaupten.“ „Man muss ihnen vergeben. Diesen Leuten ist wohl zu Ohren gekommen, wie wunderbar Dich Gewänder kleiden, deren Stoff nur aus den allerleichtesten Schmeicheleien gewoben ist.“ „Ja, aber Dein Garn dünkt mich eher wie Schiffstaue.“ „Ich dachte, ein wenig Seemannsgarn würde sich schmuckhaft in Deine Geschichte einfügen.“ „Du glaubst mir nicht?“ „Alles – mit Ausnahme der Behauptungen bezüglich Deiner Bescheidenheit.“ Ihre Geste mochte für schwer gepanzerten Schwertkampfschüler, der den Treffer durch eine hölzerne Übungswaffe eingesteht, die richtige sein. Sie hingegen kostete eben diese Bewegung einen Gutteil der Deckung ihres Handtuches, das endgültig von ihren Brüsten rutschte und nur gänzlich auf ihre Hüften ruhte. Falls es Absicht gewesen sein sollte, das Handtuch jetzt und so zu Fall zu bringen, dann war es eine dramaturgische und schauspielerische Meisterleistung. Auf jeden Fall beließ sie das Tuch, wo es war, und hielt ihm keck grinsend den leeren Weinkelch entgegen. Schicksalsergeben füllte er den allerletzten Rest aus der vorletzten Flasche in ihr Glas, während sie mit ihrer Erzählung fortfuhr: „Nun ja, wie dem auch sein, im Vollbesitzt meiner Kräfte war es nicht weiter schwer, die Fesseln abzustreifen und das Flugschiff zum Absturz zu bringen. Wir sind dann mitten in den Basar der Bettler hineingestürzt. Und wie sich die Jungs dann so aus den Trümmern befreit haben, hat sich der Kronk offenbar noch eine kleine Gespielin aus einem der Käfige geschnappt. Und wir haben alle einen untoten Haradrim gesehen, der offenbar der Kopf der Sklavenhändler war. Und damit nahm das Schicksal dann seinen Lauf, denn Kronks Kleine hatte noch eine Schwester an Bord, die wir nun natürlich unbedingt retten mussten, aber nicht gleich konnten, denn wir mussten ja weg – in den Trümmern des Schiffes der untote Haradrim, und wer weiß was alles draußen. Außerdem war ja da noch nicht abzusehen, dass Kronks kleine Gerettere auch Kronks kleines Betthäschen werden würde und wir somit alle quasi persönlich Anteil am Schicksal ihrer Schwester nehmen müssten. Das hat sie geschickt eingefädelt, würde ich mal sagen.“
„Ja, was tut man nicht Alles für eine schöne Frau …“ „Danke, kein Interesse. Also, an ihr kein Interesse. Kein persönliches, aber eben aus Verbundenheit. Wir sind ja doch irgendwie zu Kameraden geworden.“ „Irgendwie?“ „Götter, wir hatten auf vielen Reisen Knappen, die konnten besser mit dem Schwert umgehen …“ „Und doch hast Du Dich ihnen anvertraut. Dich in erneut in die Hände der Sklavenhändler begeben, darauf gebaut dass sie Dich befreien.“ Wieder ein Treffer. (Veranstalten wir einen kleinen Übungskampf; ein Spiel. Noch zwei Treffer, und ich darf Dir das Handtuch wegnehmen und Dich auf mein Lager tragen. Ja, gut? Dann legen wir mal gleich nach…) „Du weißt schon, dass die Halsreifen, die sie hier den Sklaven anlegen, verflucht sind? Du wärest wirklich auf Deine jungen Freunde angewiesen gewesen, wenn nicht ein edler Schwarzer Rittter gekommen und die Kriegs- nein, die Friedenskasse eines ganzen Reiches für Dich geboten hätte?“ Zweifel in ihren Augen. An seinen Worten oder nachtägliche Zweifel an ihrem Plan? (Egal, werten wir es bitte als Treffer?) „Nun ja“, gab sie schließlich zu, „unser Plan war weder ein echter Plan noch eine wirklich elegante Improvisation. Wir hatten einfach auf dem Basar der Bettler diese flüchtige Sklavin aufgegriffen – also, im Grunde hatte sie der Untote aufgegriffen, und wir haben dann den Untoten so lange geschüttelt, bis er sie losgelassen hat. Und hinterher haben wir von Ihr erfahren, dass sie auch auf dem Luftschiff war, auch aus Mittelerde stammt. Und dass sie einer uralten Familie von Tempeldienern entstammt. Und da entstand irgendwie die Theorie, dass mehr hinter den Machenschaften der Piraten steckt als simpler Sklavenhandel – wenn man Sklavenhandel quer über die Grenzen der Realitäten hinweg überhaupt als simpel bezeichnen möchte. Und dann dachten wir, gehen wir doch mal zu Fatima Umau, erzählen ihr davon und sie wird sich schon einen Reim drauf machen können, verstehen, wie sie einen Vorteil daraus zieht und uns zum Dank auch noch die Schwester von Kronks Betthäschen überlässt. Und um die Geschichte überzeugend vorbringen zu können, haben wir eben die entlaufene Tempeltänzersklavin mitgenommen. Also, wir wollten sie mitnehmen in den Palast der Fatima Umau – wo inzwischen die Sklaven aus dem havarierten Luftschiff hingebracht worden waren – aber sie wollte auf keinen Fall noch einmal dort hin, was man ihr ja auch nicht verdenken kann, vor dem Hintergrund, das sie von dort gerade erst geflohen ist und dabei auch noch von Untoten gejagt wurde. Aber ich konnte sie beruhigen, als ich ihr mein Wort gegeben habe, geschworen habe, sie wieder heil herauszubringen. Leider konnte sich dann Fatima offenbar keinen schlüssigen Reim auf unsere Geschichte machen, gleichwohl sie diese nicht uninteressant fand. Sie stimmte uns zu, dass da mehr hinter der regelmäßigen gezielten Einfuhr von Tempeltänzersklavinnen stecken muss. Und sie wollte die Tänzerin unbedingt verkaufen, nur um zu sehen, wer denn so auf sie bietet.“ Melnibonor hatte verstanden: „Und da Du ihr versprochen hattest, sie wieder heil da raus zu bringen, hast Du Dich ersatzweise zur Versteigerung als Tempeltänzerin angeboten.“ „Eine Rolle, die ich durchaus ausfüllen kann.“ Sie wiegte den Oberkörper ein wenig hin und her, mit den Armen einige der Figuren aus den kultischen Tänzen der alten Südostharad nachahmend. Melnibonor fühlte sich tatsächlich prompt einer gewissen göttlichen Ekstase nahe. „Unbedingt“, bestätigte er. Um dann, eingedenk des einseitig und heimlich von ihm erklärten Wettbewerbes anzufügen: „Und eventuell hättest Du sie ziemlich lange ausfüllen müssen. Denn wer erst einmal einen Halsring der Bronzestadt trägt, der kann den Befehl seines Herrn weder verweigern, noch kann er aus der Stadt fliehen. Geschweige denn den Reif selbst öffnen oder eine Öffnung durch einen Anderen als seinen Herrn dulden. In letzterem würde ich bei Dir und den jungen Leuten wohl das größte Problem sehen. Die Sklaven sollen ja unter dem Einfluss des Fluches zu Berserkern werden, wenn sich jemand an ihrem Halsreif zu schaffen macht.“ Chinta guckte wenig beeindruckt. „Ich werde mir morgen Jasminas Halsreif ansehen. Wir werden ja sehen, ob ich den Fluch nicht brechen kann.“ „Und dann?“ „Dann schulde ich Dir einen Dienst. Wir werden die Verschwörung – so es den eine gibt – in Augenschein nehmen. Und Du magst entscheiden, ob Du dies Wissen in der einen oder der anderen Weise für Deinen Auftrag nutzen kannst.“ Menibonor nickte bedächtig. „Nur müssen wir wissen, wer dahinter steckt. Wer die Tempeltänzerin aus dieser Lieferung hätte kaufen wollen, wenn nicht Deine Schönheit und Anmut den Preis in so unermessliche Höhen getrieben hätte.“ Diesmal ignorierte sie die Komplimente komplett, das Jagdfieber hatte sie gepackt: „Höre ich da schon einen Plan reifen?“ „Sicher. Ich werde meine Beute, meinen Fang, meinen Kauf präsentieren. Das ist es auch, was man von mir erwartet. Schon heute Abend sind Glückwünsche von Edlen Efreeti eingetroffen, die das, was ich getan habe, als ein Manöver interpretieren, die Achtung der Nation der Bronzestadt zu erwerben.“ „…?“ „Durch Zurschaustellung von exquisitem Geschmack und ungeheurem Reichtum. Die Tugenden der Efreeti. Und schon öffnen sich Türen, die einem kleinen Gesandten eines Menschenreiches irgendwo unter der Sonne verschlossen geblieben werden. Einladungen zu Feiern und Festen. Und mehr oder minder verblümt ausgedrückt die Hoffnung, ich würde meine geheimnisvolle Tänzerin zur Schau stellen.“ „Und was soll das bringen?“ „Irgendjemand wird seinen Zug machen. Vielleicht ein leise gerauntes Angebot, dass ich nicht ablehnen kann. Vielleicht auch ein Hinterhalt auf unsere Sänften, wenn wir auf dem Weg zu einem der großem Häuser sind. Aber wer immer es ist, wir kennen dann unsere Verschwörer.“ Sie nickte. Der Plan war gut. Oder zumindest erst einmal der Einzige. (Zeit also, den letzten Treffer zu landen.) „Die Sache hat nur einen Haken. Du wirst auf diesen Festen nicht einfach nur mit Schmeicheleien angetan tanzen können.“ Sie zwinkerte irritiert: „Nicht?“ Er grinste wölfisch: „Wir werden einen falschen Halsring brauchen.“ Sie zuckt die Schultern: „Der Kronk wird etwas aus dem Ding improvisieren können, das wir Jasmina abnehmen.“ Sie hatte ihre Fassung schnell wiedergefunden, aber Melnibonor beschloss ihre kurze Irritation trotzdem als Siegestreffer zu werten und sich seinen Beute sogleich mitzunehmen. Erwartungsgemäß heuchelte sie scherzhaft nur einen kleinen Augenblick lang empörten Widerstand: „Herr Melnibonor, wenn Ihr mich für eines dieser Mädchen haltet, die für acht Zentner Gold zu haben sind …“ Der Rest des Satzes ging vollends in ihrem Kichern unter. Und so würde man nie erfahren, ob sie wohl die vorletzte Flasche von seinem Allerbesten Wein mit in die Rechnung einbezogen hätte.

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azraelis

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